August 2015. Eine Woche haben wir (Rendel Freude (Fotografin) und Kristin Kunze (Clown)) Zeit für den Fotoworkshop mit EYE, einer ruandischen Jugendorganisation mit Sitz in Kigali. EYE macht normalerweise Radio, jede Woche eine halbe Stunde im eigenen Studio. Die Sendung wird aufgezeichnet und dann über mehrere Radiostationen wie über Voice of America und Radio Tayna in Goma ausgestrahlt. Immer wenn es finanzielle MIttel gibt, macht EYE zu den recherchierten Themen auch eine Zeitschrift, auf Kinyarwanda und Französisch. Die Organisation wird vom Zivilen Friedensdienst beraten und finanziell unterstützt und kooperiert mit NEVER AGAIN RWANDA, der NGO, mit der wir letztes Jahr den Fotoworkshop in Huye (im Süden des Landes) organisiert haben. Wie schon im letzten Jahr wird die Woche von der FREELENS Foundation unterstützt.

Thibaut und Jean-Michel, beide Teilnehmer aus dem letzten Workshop sind dieses Mal wieder dabei, und auch die fünf Kameras, die die FREELENS Foundation 2014 gespendet hat. Thibaut, ein junger Burunder, der in Huye studiert, ist während seiner Semesterferien in Kigali, weil seine Eltern ihm wegen der angespannten Situation in seinem Heimatland verboten haben, nach Hause zu kommen. Die 12 TeilnehmerInnen sind zwischen 16 und 24 Jahre alt, noch in der Schule, in der Berufswahl oder schon im Studium. Alle kennen sich mit Radio aus und sind zuhause mit whatsapp, facebook und Co. So ist Montagmorgen die erste Aufgabe, Lösungen für eine kurze Zeit ohne Smartphone zu finden ...

Eine kurze Vorstellungsrunde gibt es für alle und dann werden die Kameras verteilt. Montag ist der Tag für viele Übungen zu den Einstellungen: fokussieren, Hoch- oder Querformate, Weitwinkel, Tele und so weiter. Bei den Trockenübungen finden es alle spannend, mit einem  geschlossenen Auge zwei Finger aufeinander treffen zu lassen – und so festzustellen, dass die dritte Dimension im Leben (un)sichtbar ist. Mit kleinen Pappschablonen üben sich alle darin, Ausschnitte genauer zu erkennen und zu planen, bevor fotografiert wird. Interessant auch, dass Basics wie Blende, Zeit und ISO-Werte bei diesen kleinen Kameras nicht mehr vermittelbar sind – so viel Automatik, so viele andere technische Möglichkeiten. Geringe Tiefenschärfe geht wie? Ah, auf das Symbol mit dem Gesicht einstellen ... Zur Auflockerung der technischen Dinge macht Kristin Körperübungen zu Präsenz und Haltung.

Dienstag ist der Tag zum Thema Gestaltung, wieder mit vielen Übungen: was macht ein Bild gut und warum? Welche Bilder gefallen euch? Was wollt ihr mit den Bildern erreichen, die ihr fotografiert? Und was kann das Thema sein, mit dem die beiden Projekttage gefüllt werden? Dazu ist die Lösung ganz einfach: Peacebuildung. Viele ruandische NGOs haben dies als Hauptthema. Und EYE beschäftigt sich ja auch schon beim Radiomachen mit dem Thema. Es wird diskutiert, wie das alles bildlich dargestellt werden kann: Menschen, die sich die Hände geben, Kinder, die zusammen spielen und viele wachsende Pflanzen werden vorgeschlagen. Der Unterschied zwischen Radiomachen und Fotografieren zeigt sich schnell: die Inhalte, die in einem Foto untergebracht werden sollen, wären auch für mehrere längere Bildstrecken gut. Zum Abschluss des Tages werden Teams gebildet, die in den nächsten zwei Tagen miteinander unterwegs sein werden. Mir ist wichtig, allen mitzugeben, dass sie beim draussen sein den Menschen mit Respekt begegnen und auch so fotografieren.

Am Mittwochmorgen ziehen sie los in die Nachbarschaft. Die große Herausforderung für alle: sich nicht mehr gegenseitig zu fotografieren, sondern Fremde anzusprechen und mit der Kamera in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Nach zwei-drei Stunden kommen sie ausgepowert wieder (es ist Trockenzeit: heiss, staubig und schwarze Abgase ...), das Mittags-Bufett ist die Rettung. Währenddessen lade ich die Bilder in lightroom und nachdem die sich TeilnehmerInnen mit Kristin die Erschöpfung weggetanzt haben, geht es zur Bildbesprechung und alle sind viel aufgeregt, wie was aussieht und wie ihre Ideen im Bild funktionieren. Per Beamer werden die Bilder gezeigt und mit Lightroom zeige ich, wie Ausschnitte oder Farben verändert werden können und wie sich damit Bildaussage oder Qualität einer Aufnahme verändert. Das direkte Bearbeiten und Beobachten ist sehr effektiv um zu verstehen, wie kleine Veränderungen große Wirkung haben und dass die eigenen Bilder mit diesen Bearbeitungen viel besser werden können. Fazit des Tages: es ist gut, nah heranzugehen, konzentriert zu sein. Nicht mit allen Teams an einer Stelle zu fotografieren (aufpassen, dass keine andere Fotografin mit im Bild ist). Und es ist „verboten“, sich gegenseitig Modell zu stehen ... Für den Tag haben alle genug getan! Aber Maxime und Allyah fahren mit uns in die Stadt, um in einem Labor unsere Aufträge anzukündigen: 30 Fotoabzüge auf Holz aufgezogen und 3 Rollups für die Ausstellung, nächste Woche müssen sie fertig sein. 

Am Donnerstag sind die Teams wieder unterwegs, im Kopf die Ideen der Bildbesprechung, im Bauch einen reichhaltigen Frühstücksimbiss, der helfen soll, die Erschöpfung wie vom Tag vorher zu vermeiden. Mit Motorradtaxis oder zufuss verschwinden alle in verschiedene Richtungen und kommen Stunden später frohgelaunt zurück. Am Nachmittag wird im Radiostudio eine Sendung simuliert und meine Kamera (die große, professionelle, sehr begehrte!) von Fotografin zu Fotograf weitergereicht. Es ist sehr lebendig, lustig, kreativ und es enstehen viele gute Bilder. Was mich beeindruckt hat: dass die TeilnehmerInnen die Hinweise aus der Bildbesprechung so klar umgesetzt haben und damit vom einen Tag zum nächsten wirklich ein Unterschied in den Aufnahmen zu sehen ist. Eine wichtige Frage wird mehrmals gestellt: bekommen wir ein Zertifikat für diese Woche Fotoworkshop? Ja, natürlich, bitte vorbereiten, ich unterschreibe es nächste Woche bei der Ausstellungseröffnung ...

Abends spiele ich wieder alle Bilder auf meinen Rechner – mit Erlaubnis der TeilnehmerInnen, eine Vorauswahl für die Ausstellung zu treffen. So mache ich (trotz Stromausfall mit Taschenlampe, aber der Laptop hat noch genug Saft) aus 1000 Bildern eine Vorauswahl von circa 50 Aufnahmen für die Ausstellung.

Freitagmorgen ist wieder Bildbesprechung mit Vorstellung der Aufnahmen – alle sind beeindruckt von den Ergebnissen, von sich, den Bildern, der Menge ... Später sitzen die an Bildbearbeitung Interessierten neben mir, während ich die Aufnahmen für das Fotolabor und den Drucker vorbereite. Und Nachmittags bringen wir die Festplatte zum Labor mit dem Auftrag, alles bis Donnerstag fertig zu machen, damit Freitag die Ausstellung gehängt werden kann. Und es klappt.

Als wir eine Woche später wieder in Kigali ankommen, sind die TeilnehmerInnen und Bilder da, das Haus ist frisch geputzt und alles glänzt. Das Hängen geht ganz unkompliziert und am Samstag um zwei warten alle sehr aufgeregt auf Besuch. Es fehlt zwar noch das Buffet (das kommt zwei Stunden später, muss dann noch vorbereitet werden und alls das ist kein Problem), aber die ersten Gäste kommen schon bald. Und das Fernsehen kommt mit Kameramann und Journalist, der die jungen FotografInnen vor ihren Arbeiten interviewt. Als sie weg sind, kann auch endlich kurz vorm Ende der Ausstellung die Ausstellung eröffnet werden mit Gesang und Tanz und Übergabe der Zertifikate an alle.

Köln, im September 2015
Rendel FREUDE