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publik kenia rendel freudeReisebericht von Kristin Kunze: „Welcome Kristin!" Patrick steht mit einem Pappschild am Nairobi Airport. Erleichterte Freude, nachdem wir erstmal nervös in der großen Halle nach einem Gepäckstück suchen mussten. Patrick würde uns im Laufe des Aufenthaltes noch einige Male fahren oder – falls verhindert – einen Ersatz stellen. Alles mit ruhiger Zuverlässigkeit.

Auch im Konvent in KASARANI wurden wir noch spätabends freundlich begrüßt. Innerhalb der nächsten Tage schüttelten wir unzählige Hände, lächelten, staunten und freuten uns über den Krankenhausneubau – jetzt in vollem Betrieb und farbig belebt. Wir, das sind meine Kölner Freundin Rendel Freude, Fotografin und Grafikerin, und ich. Rendel war zum erstenmal in Kenia, in Afrika überhaupt. Sie öffnete für mich über ihr Neusein und über ihre Kamera andere Sichtweisen auf Land und Leute. Ich reiste zum vierten Mal hierher.

Beim Kasarani-Rundgang gab es öfter längere Pausen: Mit warmem Stolz wurden uns die Arbeitsplätze genauestens erklärt: Wäscherin, Köchin, Zahntechniker, Laborant, Hebamme, Buchhalterin, Einbalsamierer ... und auch die Hilfsprojekte für Straßenkinder oder Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Ländern mussten wir besichtigen.

Hakuna matata – Macht nix

Nach vier Tagen war der Weiterflug Nairobi-Kisumu gebucht: Aber Kenia Airways fliegt diese Strecke schon seit Oktober nicht mehr, verkauft aber weiterhin die Tickets. So kamen wir mit JetLink Stunden später als geplant an. Doch Sr. Lawrencia wartete seit vier Stunden mit ungetrübter Fröhlichkeit. Anschließend hatte sie natürlich noch hier und da in Kisumu zu tun: warten, fahren, warten, Reissäcke kamen hinzu und einige Baumsetzlinge, bis wir endlich durch die Ebene mit den Reisfeldern Richtung Nyabondo fuhren.

Waren vor zwei Jahren die meisten Straßen mittig aufgebrochen mit defekten Seitenrändern, staunte ich diesmal über fast „deutsche" Verhältnisse. Der Grund: China kommt nach Kenia! Schon in Kasarani sahen wir diese gewaltigen Trassenprojekte. Sr. Victorina – jetzt Chefin der Franziskanerinnen dort – erzählte, dass sie in das chinesische Baubüro gestürmt sei:„Ihr? Warum helft Ihr Euch nicht selbst? Gebt uns die Werkzeuge und die Materialien, um selber zu bauen!"

Statistisch und augenscheinlich gibt es eine große Zahl Arbeitsloser: Allerorten stehen, sitzen, lagern Gruppen von nichtstuenden Männern. Selbst Kindergrüppchen setzen sich fast nur aus Jungen zusammen. Frauen und Mädchen hingegen arbeiten hart! Eine untätige Frau ist in Kenia ein Widerspruch in sich.

Immer aber, wenn Maschinen eingeführt werden, kommen auch Männer „an's Arbeiten". So fiel mir jetzt die Zunahme der Motorbikes auf 
– privat oder als Taxi – vor allem auch auf dem Land. Und da sitzen nur junge Burschen drauf. Frauen gehen weiterhin lange Strecken zu Fuß. Frauen nach ihrer Meinung gefragt, antworten: „We have no choice!" In ihren Gesichtern ist das Leben gezeichnet – und auch das Lachen.

Was kann ich lernen? Ich bin hier zu Gast. Ich schaue, höre und staune: ein faszinierendes Land!
Meno & Miti – Zahn um Zahn, Baum um Baum (freie Übersetzung)

Kaum in NYABONDO angekommen, begann eine lokale kleine Regenzeit. Nachmittags Wolkentürme, Wetterleuchten, abends und nachts sturzbachartige Niederschläge, Gewitter.

In der Ebene unterhalb von St. Josephs sammelte sich das Wasser in den flachen Mulden, die beim Ausstechen der Lehm/Tonerde zurück bleiben. Die Tonrechtecke werden gestapelt, luftgetrocknet, noch höher aufgetürmt, gebrannt und dann verkauft. Doch bei dieser Feuchtigkeit kam vieles zum Erliegen. Die gestochene Erde zerfiel wieder oder der Transport der fertigen Ziegel zur Piste war durch den matschigen Schlamm extrem mühsam. „We have no choice!" Die hier lebenden Menschen wurden vor einiger Zeit gegen ihren Willen angesiedelt. Der Boden gab kaum etwas her. Deswegen „verkaufen" sie ihn an Baufirmen.

In der ZAHNKLINIK herrschte reges Leben. Sechs angehende Krankenschwestern machten hier kurz vor ihrem Examen ein Praktikum. Der Zahntechniker arbeitet weitgehend autonom. Ich kam nicht dazu, seine Prothesen bei Anprobe oder Einsetzen zu sehen, da er, Zahnersatz und Akkubohrer in der Tasche, mit dem Matatu zu den Patienten fuhr.

MOBILES in die Schulen fielen aus. Im Dezember sind große Ferien. Sr. Lawrencia hatte MOBILES zu verschiedenen Orten geplant. Eine ist ausgefallen – stattdessen machten wir eine Tour Richtung Norden, um das dortige neue dental office im Krankenhaus zu besichtigen. Doch zwei Pannen fast mitten auf dem Äquator ließen uns lieber umkehren. Florence und einige Hilfskräfte begleiteten uns in die südlichen Dörfer. Bei diesen Fahrten wird deutlich, wie arm die Menschen teilweise sind. Auch dankbar, dass wir kamen.

Einmal verabreden sich viele, viele schmerzende Weisheitszähne an einem Nachmittag!

Am nächsten Tag kam der years end celebration day in Nyabondo. Wir hatte die Freude, je einen kleinen Baum pflanzen zu können (ein Ausgleich fürs Extrahieren). Inzwischen ist es doch vielen klar, dass neue Bäume für die Zukunft Kenias wichtig sind. Hauptsächlich sind es jetzt Zypressen, nicht mehr Eukalyptusbäume, unter denen keine einheimischen Pflanzen gedeihen. An diesem Tag waren alle aus St. Josephs versammelt um zu feiern, zu spielen, zu essen und um viele blumige Reden zu halten. Es war der anstrengendste Tag der ganzen Reise!
Doch war es auch spannend, alle, vom Wachmann bis zum Arzt, von der Studentin bis zur Franziskanerin, beim Wettrennen bejubeln zu können.

MALARIA – immer noch Todesursache Nummer eins in Kenia: Zwar habe ich in drei Wochen kaum eine Mücke gesehen (besser gefühlt), dennoch natürlich immer mit Netz geschlafen.

In der Hochebene wird versucht mit einem biologischen Antimalariaprojekt die Erkrankung zu reduzieren: Netze verteilen, Gebrauch erklären, Straßentheater, Schulbesuche, stehende Gewässer kontrollieren, evtl. drainieren oder mit Neem-Produkten die Larven unschädlich machen, so dass das Wasser dennoch von Mensch und Tier ungefährdet genutzt werden kann. Und das abfließende Wasser macht endlich den Anbau von Mais möglich!

AIDS – Beschneidung von jungen Männern ist eigentlich bei den Luos unüblich. Zur Zeit werden auch in Nyabondo Circumcisions mit kostenloser Beratung, Operationen und Nachsorge (Gebrauch von Kondomen usw.) angeboten. Die Infektionsrate soll dadurch um 60% vermindert werden.

Was ist mit den Mädchen? Grace von Nyanepha plant eine Ausbildungstätte zur Friseurin (fast jede Frau muss sich ja ihre kunstvollen Zöpfe, Knötchenmuster und Girlanden flechten lassen) mit der sie die jungen Frauen erreichen kann. Hierbei könnten sie dann auch viel lernen über Aids, Aufklärung, -vermeidung, -verhütung.

WITWEN – Ich bin begeistert vom St. Monica-Village, besonders von der Architektur. Ich kann mich erinnern, wie die Frauen vor fünf Jahren jede mit einem Tonziegel ihren Beitrag zum Witwendorf leisteten. Jetzt gibt es schöne Häuser und Angebote im Gelände: Bibliothek, Restaurant, Gästehaus. Leider waren bei unseren beiden Besuchen keine Frauen anwesend. Nur zwei mittelalte Männer trafen wir in der Schneiderei. Sie bezeichneten sich als „Waisenkinder" und wir mussten alle darüber lachen.

Das ist die kenianische Kunst: Hindernisse und Stolpersteine durch Lachen zu verkleinern.

WAISEN – Mit vier Waisen-„Kindern" (mein Patenkind ist schon 16, sorgfältig angezogen, Bundfaltenhosen, Hemd mit Manschettenknöpfen – so viele gutgekleidete Menschen wie dort, gibt es bei uns in Deutschland nicht! Wir dagegen immer mit dieser Kakihosen- und T-Shirt-Mode!) und Sr. Lawrencia verbrachten wir ein Wochenende auf Mfangano, einer Insel im Victoriasee. Der Weg geht eigentlich über Homabay und dann mit dem Schiff, doch wegen des Regens war die Straße unpassierbar. So fuhren wir nördlich um die Bucht herum Richtung Uganda, nahe am Heimatort Obamas vorbei (alle hier sind stolz auf Baracks Herkunft), weiter mit einer Auto-, Esel-, Ziegen-, Karren- und Menschenfähre auf die vorgelagerte Insel und später weiter mit Außenbordmotor. Sonne, Wasser, Wind zum Ziel – welch ein Erlebnis! Allerdings nicht ungefährlich – eine Stunde auf dem Wasser, mittags, ohne Dach und die Sonne steil über uns – wir mit unserer hellen Haut – abends rosa.

Auf MFANGANO empfing uns Ruhe, Berge, Blüten, Düfte – ein Paradies? Die am Ufer verlaufende neue Piste lädt zum nachmittäglichen Flanieren ein. Sr. Lawrencia wird überall freundlich begrüßt: Sie hat drei Jahre hier gewohnt, bevor sie nach Nyabondo kam und ihre erste Vollstelle als Sister antrat. Wir schliefen im Konvent der Franziskanerinnen, bezahlten für Verpflegung und auch für Brennstoffverbrauch – denn all das wird ja vom Festland gebracht. Es gibt keinen Strom, die sichtbaren Leitungen täuschen. Hier und da mal eine funktionierende Solaranlage mit Batterien für eine Glühbirne und evtl. einen Fernseher.

Von einigen Seiten wurden wir gedrängt: Die cica 15.000 InselbewohnerInnen haben keine ärztliche Hilfe. Ob wir evtl. ein Mobile planen könnten? Ob wir Geld geben könnten für ein defektes Dach, oder für die Hilfe von jungen Frauen, die durch Aids isoliert und verarmt leben. – Ein Paradies?

Mzuri – Gut und schön

Zum Ende der Reise ging es aus den üppigen frischen Teefeldern Kerichos abwärts in zunehmend staubige Dürre.

Kurzbesuch in NAKURU. Ich freute mich sehr, zu sehen, wie schnell hier die Planung der AZK umgesetzt worden ist. Zwei dental workers haben viel zu tun und arbeiten. Von Montag bis Freitag und auch Samstag/Sonntag – beide kompetent. Ein großer Erfolg für das AZK-Projekt! Eine doppelte Freude war es, die ganze St. Anthonys-Anlage als eine grüne Oase in dem von Dürre gezeichneten Nakuru zu erleben. Wieder erinnerte ich mich an Sr. Victorina, die hier ober- und unterirdische Wassertanks installiert hat, einen Brunnen bohren ließ und um jeden gepflanzten Baum und Busch gekämpft hatte. Jetzt gibt der Gemüsegarten seine reiche Ernte: Blumen blühen, Vögel zwitschern, Schmetterlinge tanzen – reichlich Wasser, so dass an einer Zapfstelle sogar noch Wasser verkauft werden kann. Denn: „Water is life!" Wie oft haben wir das in diesen Wochen gehört! Auch die Schwestern wirken reich – an Tatendrang und an Humor.

Pole – Arm

Auf dem Weg von Nakuru nach Nairobi wird das Ausmaß der DÜRRE sichtbar: Der rosa Saum von Millionen Flamingos am Lake Nakuru ist verschwunden, der See zur Hälfte eingetrocknet. Im Nationalpark liegen etliche Tierkadaver. Noch weniger Wasser gibt's im Lake Elementaita. Die dreijährige Dürre bewirkt, dass auf vielen Feldern nichts mehr angebaut werden kann. Die Menschen müssen Wasser und Nahrungsmittel kaufen. Diese aber sind stark im Preis gestiegen. Viele Geschäfte gehen pleite – hier geht es nur noch ums elementare Überleben. Manchmal sieht man in der Ferne runde weiße Kuppeln: Gewächshäuser, in denen Blumen für Europa gezüchtet werden nach einer ausgeklügelten Logistik von Wärme-, Licht- und Wasserzufuhr. Dort werden die einzigen Wasserquellen angezapft! Ein anderes Mal hört man im Busch Sägen und Hacken: Dann werden die letzten größeren Bäume gefällt, vor Ort zu Holzkohle verarbeitet und verkauft – „We have no choice!"

Pole pole – schön langsam

Zum Schluss konnte uns kaum mehr etwas erschüttern: pole pole – immer mit der Ruhe! Was war es?

Die Fähigkeit, mit der Zeit zu fließen, sie zu dehnen, statt zu zerstückeln. Auf dem Weg sein – heute, treiben im Lebensstrom, statt auf einer Geraden zu rennen. Das Gefühl der Langsamkeit als Qualität. D as Eins-Sein mit dem, was in mir und um mich ist.

EINE REISE ZWISCHEN SCHRECKEN UND HOFFNUNG, TRAUER, MUT, FREUDE UND: BEWUNDERUNG für die afrikanischen GastgeberInnen.
Ahsante sana Kenia! Danke!

Text: Kristin Kunze